Juli 6, 2019 – 3 Tammuz 5779
Ein Fluch, der zum Segen wurde

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Folgenreiche Streitereien, gefährliche Lebensphasen, Segnungen, Flüche und Trennung für Frieden in der Übersicht der Wochenabschnitte der Thora im Monat Juli 

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Im Monat Juli werden wohl die spannendsten und abenteuerlichsten Wochenabschnitte nicht nur des Buchs „Bamidbar“, sondern der ganzen Thora gelesen. Die Parschijot „Korach“, „Chukat“ (Satzung), „Balak“ und „Pinchas“ sind so ereignisvoll und spannend, dass sie jeden Triller überbieten können.

Epischer Fall 

Im 1. Wochenabschnitt des Julis „Korach“ wird über den Aufstand von Korach ben Jitzar erzählt. Korach ist nicht nur einer der Adeligen des Stammes Levi, sondern einer der reichsten Männer in der Geschichte der Menschheit. Laut der Überlieferung war er in Ägypten vor dem Auszug Finanzminister und hat ein Drittel des versteckten Vermögens von Josef gefunden. Auf diese Weise hatte Korach, wie die Midraschim berichten, alleine mehrere Esel mit den Truhen, die mit den Schlüsseln von Truhen mit dem Gold und Silber gefüllt waren!

Jedoch ist Geld bekanntlich nicht alles im Leben. Korach wollte auch Ehre und hohe Posten. Allerdings blieb ihm das verwehrt: zu seiner großen Überraschung und Enttäuschung wurde zum Fürsten der Geschlechter Kehati nicht er, sondern Elizafan ben Usiel ernannt. Nach der Stammeshierarchie wäre eigentlich Korach dran gewesen, jedoch entschied sich G’tt für seinen jüngeren Cousin Elizafan.

In einem prophetischen Traum sah Korach, dass sein Nachkomme Schmuel zum großen Anführer des jüdischen Volkes wird. Das war ein Zeichen für Korach, dass er Besseres verdient und eventuell unberechtigt ohne wichtigen Posten gelassen würde. Er wartete auf eine passende Gelegenheit und begann einen großen Streit mit Mosche und Aharon.

Korach war jedoch ein kluger Mensch und verstand, dass er noch Mitstreiter von anderen Stämmen gewinnen musste, um möglichst breite Unterstützung zu haben. Mosche war ziemlich beliebt und gegen ihn zu rebellieren war gefährlich.

Als Korach durch Redekunst und Populismus doch eine breite Koalition gegen Mosche schmieden konnte, musste Mosche handeln. Da Zweifel aufkamen, dass nicht G’tt, sondern Mosche selbst Entscheidungen getroffen hat, stand die Zukunft des jüdischen Volkes und sein Glaube an G’tt auf dem Spiel.

Mosche bat G’tt um einen eindrucksvollen Beweis „Daran sollt ihr merken, dass der Ewige mich gesandt hat, alle diese Werke zu tun, und dass sie nicht aus meinem Herzen kommen: werden diese sterben, wie alle Menschen sterben, und gestraft werden mit einer Strafe, wie sie alle Menschen trifft, so hat der Ewige mich nicht gesandt; wird aber der Ewige etwas Neues schaffen, dass die Erde ihren Mund auftut und sie verschlingt mit allem, was sie haben, dass sie lebendig hinunterfahren ins Totenreich, so werdet ihr erkennen, dass diese Leute den Ewigen gelästert haben!“.

Gott tötet Korach und seine Gefolgsleute auf Bitten von Mosche

Und G’tt beantwortete diese Bitte: „Und es geschah, als er alle diese Worte ausgeredet hatte, da zerriss die Erde unter ihnen; und die Erde tat ihren Mund auf und verschlang sie samt ihren Häusern und samt allen Menschen, die bei Korach waren, und mit aller ihrer Habe“.

Unsere Weisen empfehlen uns daraus etwas sehr Wichtiges zu lernen: ein Streit ist sehr gefährlich. Auch wenn man denkt, dass man recht hat, wird man nie gewinnen. Je länger der Streit dauert, desto mehr verhärten sich die Fronten, desto mehr Menschen sind darin involviert, desto schlimmer ist die Spaltung. Und kein Streit bleibt ohne Folgen: Freunde werden zu Feinden, Gemeinden werden zerrissen usw.

Unsere Weisen zeigen auch, dass Korach nicht zufällig auf diese Weise bestraft wurden: er hatte alles, wollte jedoch mehr, als ihm zustand. Deshalb hat er alles verloren: Vermögen, eigenes Leben und sogar seine Kinder wurden mitgerissen. Und deshalb warnt uns die Thora ausdrücklich vor diesem folgenreichen Fehler: „Seid nicht wie Korach und seine Gemeinde“!

Pass auf, wenn sich etwas ändert

Der Wochenabschnitt „Chukat“ knüpft mit seinen Krisen und Tragödien scheinbar an die vorigen an: Streit bei „Mej Meriwa“ um Wasser, das Verbot für Mosche ins Land Israel zu ziehen, der Tod von Miriam, der Tod von Aharon, der Angriff der Amalekiten usw.

Jedoch, wenn man ganz genau hinschaut, dann merkt man, dass es sich um keine Fortsetzung der Ereignisse von den vorherigen Parschijot handelt. Alles, was wir bis jetzt gelesen haben, passierte in den ersten zwei Jahren nach dem Auszug aus Ägypten. Ab dem Wochenabschnitt „Chukat“ lesen wir über die Ereignisse, die im letzten, also im 40. Jahr der Wüstenwanderung passierten.

Da stellt sich die Frage, was in den vorherigen 38 Jahren geschehen ist. Warum erzählt uns die Thora nichts davon? Rav Frand (zeitgenössische Rosch Jeschiwa in Baltimor) in seiner Dwar Tora bei Jüfo  bringt im Namen von Rabbi Simcha Sissel Ziv („Alter von Kelm“, 1824–1898) eine inspirierende Erklärung:

Von 40 Jahren Wüstenwanderung sind 38 in der Thora gar nicht beschrieben

Rabbi Sissel bemerkte, dass wenn man die Mischna „Pirkej Avot“ und eine Stelle im talmudischen Traktat „Arachin“ betrachtet, sich herausstellt, dass während dieser 38 Jahren absolut nichts passierte. Keine Krisen, keine Streitereien, keine Tragödien! Wenn das so ist, fragte sich Rav Simcha Sissel, was ist dann im Jahr 1 und 2, und im Jahr 40 passiert, dass das Volk der Israeliten über die Stränge geschlagen hat – und immer wieder gegen G’tt und Mosche rebelliert, geklagt und gemurrt hat?

Rav Simcha Sissel offeriert einen wertvollen Einblick in die Natur des Menschen, dessen Kenntnis sehr wichtig ist – für uns selbst und für unsere Kinder. Die Jahre 1 und 40 waren Jahre des Übergangs für das jüdische Volk. Sie gingen von einer Ebene zur nächsten. Sie hatten Ägypten verlassen, wo sie Sklaven gewesen waren – und kurz darauf wurden sie zu einer g-ttlichen Nation. Die Reise von der 49. Stufe der Unreinheit bis hin zur Empfängnis der Thora war ein Jahr von atemberaubender, spiritueller Erhebung und des Übergangs in ihrem Leben. Jetzt, am Scheideweg des Eintritts in das Land Israel, sahen sie sich ebenfalls einem traumatischen Übergang gegenüber. Sie schickten sich an, von einer Existenz des Verzehrs von Manna und des Trinkens von Wasser, das von einem Felsen herabfloss, in eine normale Existenz überzugehen, wo sie pflanzen, sähen und ernten, geschäftlichen Tätigkeiten nachgehen und für ihre Familien sorgen mussten. Wieder einmal standen sie an einem Übergang.

Von Underdogs zum auserwählten Volk G‘ttes

Wenn sich ein Mensch an einem Übergang befindet, ist er nicht ausgeglichen. Wenn eine Nation eine plötzliche Veränderung durchleben muss, hat sie keinen Seelenfrieden und ist nicht im Reinen mit sich selbst. Dieses Fehlen von innerer Ruhe macht Menschen anfällig, schlechte Entscheidungen zu treffen und dumme Fehler zu begehen. Ohne Ausgeglichenheit können Menschen keine gehaltvollen Entscheidungen treffen. Die Lehre, die Rav Simcha Sissel daraus zieht, ist, dass man extrem vorsichtig sein muss, wenn man eine neue Situation im Leben betritt, selbst wenn die Veränderung eine gute ist. (…)