Die Rettung von Noach und das spannende Leben von Avraham in der Betrachtung der Wochenabschnitte des Monats Oktober: Bereschit, Noach, Lech Lecha, Wajera 

Oktober 6, 2018 – 27 Tishri 5779
Das Alter der Welt

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Am fröhlichen Fest „Simchas Tora“ wird der jährliche Zyklus des Thora-Lesens mit dem letzten Wochenabschnitt „Wesot haBracha“ feierlich beendet. Und – nur Minuten später – werden nicht weniger feierlich die ersten Verse der Thora, die mit „Am Anfang schuf G‘tt den Himmel und die Erde“ beginnen, vorgelesen.

Der neue jährliche Zyklus des Thora-Lesens beginnt jedoch erst am ersten Schabbat nach Simchat Tora, wenn der ganze Wochenabschnitt „Bereschit“ vorgetragen wird.
Und da in diesem Jahr die letzten Wochenabschnitte der Thora noch im September gelesen wurden, werden an allen vier Schabbatot im Oktober nur die Wochenabschnitte des 1. Buch Moses (Genesis) in den Synagogen vorgelesen. Diese Wochenabschnitte sind „Bereschit“ („Am Anfang“), „Noah“, „Lech Lech“ („Gehe aus“) und „Wajera“ („Und es erschien ihm“).
Deshalb betrachten wir diese vier Wochenabschnitte näher und werden Dank der Überlieferungen unserer Weisen spannende Ideen entdecken, die man beim Lesen der Übersetzung nicht erahnen wird.

Brauchen wir die Schöpfungsgeschichte wirklich?
Bekanntlich beginnt die Thora mit der Schöpfungsgeschichte. Jedoch ist das ein wenig verwunderlich, denn die Thora ist vor allem ein Buch der Gebote, keine Geschichten-Sammlung.
Unsere Weisen sagen, dass die Thora eigentlich mit dem ersten Gebot für das Volk Israel (die Heiligung des Monats) beginnen sollte, das erst im 2. Buch Moses zu finden ist (12:1-2).
Warum also entschied G‘tt sein wertvolles Buch nicht mit einem Gebot, sondern mit einer – wenn auch spannender – Geschichte zu beginnen?

Der „Vater aller Kommentatoren“ Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak, 1040-1105) bringt in seinem ersten Kommentar auf die Thora im Namen seines Vaters folgende Erklärung, die auch heute noch aktuell und wichtig ist: „Weil G‘tt Seine Allmacht Seinem Volke verkündete, ihm das Erbe der Nationen zu geben. Wenn die Völker der Welt zu Jisrael sprechen sollten, ihr seid Räuber, denn ihr habt die Länder der sieben Nationen eingenommen, so antworten sie ihnen, die ganze Erde gehört dem Heiligen, gelobt sei Er, Er hat sie erschaffen und dem gegeben, der gerecht in Seinen Augen ist (Jirm. 27, 5); nach Seinem Willen hat Er sie
jenen gegeben und nach Seinem Willen sie ihnen genommen und uns gegeben“.
Mit anderen Worten ist die Schöpfungsgeschichte unser Besitzbeweis für das Land Israel: der Schöpfer der Welt hat dieses Land dem jüdischen Volk zugeteilt und niemand darf diese Entscheidung hinterfragen.

Ist die Erde tatsächlich 5779 Jahre alt?
Vor ein paar Wochen haben wir mit der Rosch-Haschana-Feier das Neue Jahr 5779 begonnen. 5779? Woher kommt diese Zahl? Unsere Weisen leiten diese Anzahl der Jahre aus dem Alter der Menschen ab, die im 1. Buch Moses erwähnt werden. Diese 5779 Jahre werden seit der Erschaffung des ersten Menschen Adam gezählt. Weil Adam am 6. Tage der Schöpfung gemacht wurde, bedeutet das, dass unsere Erde ebenfalls 5779 Jahre alt ist.
Kann das wahr sein? Ist es nicht wissenschaftlich bewiesen, dass die Erde etwa 4,6 Milliarden Jahre alt ist? Wir können gläubige Juden (und Christen) weiter an diese merkwürdige Zahl weiter glauben?

Es gibt sehr viele Versuche diese Diskrepanz zu erklären und darüber sind etliche Bücher geschrieben worden. Als erstes muss man bemerken, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse keine absoluten Wahrheiten sind. Niemand war bei der Erstehung der Erde dabei und deshalb können die Wissenschaftler ihr Alter nur schätzen. Deshalb kann man nicht absolut sicher sagen, dass das von der Wissenschaft angenommene Alter der Erde zu 100 % stimmt und das Alter, das unsere Tradition angibt, zu 100 % falsch ist.

Es gibt mehrere Ideen unserer Weisen, wie dieser Widerspruch zu erklären sei. Hier sind zwei davon: man kann sagen, dass die Erde vor 5779 Jahre schon „alt“ erschaffen wurde. Würde zum Beispiel ein Baum schon als hundertjähriger Baum erschaffen, hätten wir drinnen die entsprechende Anzahl von Ringen vorgefunden, obwohl der Baum in Wirklichkeit nur ein paar Minuten alt ist. So könnte auch die Erde bei der Schöpfung von vornherein von G’tt sehr alt gemacht worden sein, mit allen Fossilien und Dinosaurier-Knochen, die darin gefunden werden. Das Ziel dieser Täuschung könnte eine Prüfung für uns sein: glauben wir der Thora oder der Theorie von Wissenschaftlern?

Die zweite Idee basiert auf den Kabbala-Werken, die besagen, dass G’tt am Anfang der Schöpfung viele Welten gemacht und vernichtet hat, bis schließlich unsere Welt Ihn zufriedenstellte. Deshalb können alle diese Überreste tatsächlich von den zerstörten Welten stammen, und unsere „letzte“ Welt ist tatsächlich „nur“ 5779 Jahre alt. Es gibt also nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen unserer Religion und der Wissenschaft.

Der gerechte Noah
„Dies ist die Geschichte Noahs: Noah, ein gerechter Mann, war untadelig unter seinen Zeitgenossen; mit Gott wandelte Noah“ – so beginnt der Wochenabschnitt „Noah“.
Eine bewegende Geschichte über einen Gerechten und seine Arche, die vor Kurzem sogar verfilmt wurde.
Doch wie fromm war Noah wirklich? Unsere Weisen bemerken, dass die Wörter im Vers „unter seinen Zeitgenossen“ eigentlich überflüssig sind und auf eine zusätzliche Information hinweisen können. Sie legen diese Wörter verschieden aus, wie es Raschi aus dem Midrasch „Bereschit Rabah“ zitiert: „Manche von unseren Lehrern deuten dies zum Ruhm: umso mehr, wenn er in einem Zeitalter von Gerechten gelebt hätte, wäre er ein noch größerer Gerechter gewesen; und manche deuten es zur Schande: im Verhältnis zu seinem Zeitalter war er gerecht, hätte er aber in der Zeit von Abraham gelebt, so wäre er für gar nichts gerechnet worden“.

Jedoch ist es Tatsache, dass Noah gut genug war, um die Menschheit und die Tierwelt vor der vernichtenden Sintflut zu retten.
Interessanterweise wurde den Menschen nach der Sintflut das Fleisch von Tieren zum Essen erlaubt. Unsere Weisen bemerken dazu, dass es nicht nur ein Geschenk an Noah gewesen sei (er hat ja die Tiere gerettet), sondern es einfach eine Notwendigkeit war: vor der Sintflut waren die Lebensbedingungen viel angenehmer und die Ernährung allein mit Pflanzen deshalb ausreichend. Nach der Sintflut aber war die Natur härter geworden, deshalb wurde Fleischkonsum für eine gesunde Balance notwendig.

Die Geburt und das Wirken unseres Vorvaters Avraham
Schon am Ende des Wochenabschnittes „Noah“ wird die Geburt von Avraham erwähnt und der Gründer des jüdischen Volkes wird uns drei weitere Wochenabschnitte lang begleiten.
Aus der Thora erfahren wir von den herausragenden Charaktereigenschaften Avrahams: seine Gastfreundschaft und sein Gebet für die Bösewichte von Sodom und Gomorra sind legendär.

Wenn es jedoch nötig war entschlossen zu handeln, so zögerte Avraham keine Minute: wenn das weitere Zusammenleben mit seinem Neffen Lot unmöglich war, hat sich Avraham kompromisslos von ihm getrennt. Wenn Lot von der Armee der vier Könige aus Sodom entführt wurde, eilte Avraham den Entführern nach, besiegte sie und befreite seinen Neffen.
Als seine Frau Sarah darauf bestand, seinen Sohn Jischmael wegzuschicken, machte Avraham auch das – wenn auch wiederwillig.

Am Ende des Wochenabschnittes „Wajera“ erfahren wir von der Geburt von Jitzhak und nebenbei auch von der Geburt seiner zukünftigen Frau Riwka (Rebbeka).

Diese zwei Personen werden die Hauptprotagonisten in den nächsten Wochenabschnitten sein, die wir schon im November lesen und genauer betrachten werden.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Soziale Netzwerke