Erschreckende Fallbeispiele aus vor-zionistischen Zeiten  

Oktober 6, 2017 – 16 Tishri 5778
Die Qual der arabischen Juden vor der Gründung Israels

Von Karl Pfeifer

Georges Bensoussan gelang es in seinem neuesten Buch „Die Juden der arabischen Welt, eine verbotene Frage“ * auf 167 Seiten viele dieser verbotenen Fragen zu stellen und die von den französischen „kulturellen Linken“ diesbezüglich postulierten Axiomen als Halbwahrheiten oder ganze Lügen zu entlarven.

Er fragt, wieso ungefähr 900.000 Juden binnen nur einer Generation die arabischen Länder verlassen haben. Während die „kulturelle Linke“ dafür den Zionismus und den Staat Israel verantwortlich macht, zeichnet dieser Historiker ein nuanciertes Bild. Die Einrichtung moderner Schulen und die Begegnung mit der Aufklärung haben dazu geführt, dass sich so viele Juden der arabischen Welt gegen ihre Unterwerfung auflehnten und sich für die moderne Welt entschieden. Die arabischen Gesellschaften hingegen erleben heute eine mythische Regression zu den „frommen Vorfahren“ (salaf).

Der Autor erklärt den Status der dhimmis, der Schutzbefohlenen (Christen und Juden), die laut Koran Sure 9, Vers 29 bekämpft werden sollten „bis sie den Tribut aus der Hand (ohne Vermittler) gedemütigt errichten“. D.h. die christlichen und jüdischen Gemeinschaften konnten in den muslimischen arabischen Ländern erst durch die Entrichtung einer entehrenden „Kopfsteuer“ (schizja) ihren Glauben behalten.

Bis heute gibt es in der arabischen Alltagssprache viele judenfeindliche Wendungen. Zum Beispiel werden ihre störrischen Esel mit dem Ruf „Emschi ya ibn el yahudi“ (geh doch, Sohn eines Juden) angetrieben. In Jemen, wo jeder Mann einen Dolch trägt, durften Juden dies nicht tun. In Marokko wurde ihnen das Trinken aus öffentlichen Quellen verboten.

Der franziskanische Mönch Francesco Suriano, der sich während des 16. Jahrhunderts lange in Jerusalem aufhielt, schrieb: „Diese Hunde von Juden werden zertreten, geschlagen und misshandelt, wie sie es verdienen ... Sie leben in diesem Land in einer solchen Unterwerfung, dass Worte es nicht beschreiben können ... in Jerusalem, wo sie die Sünde begangen haben, für die sie in der ganzen Welt verstreut sind (Anm. d. Red.: Gemeint ist Jesus‘ Kreuzigung Jesus), sind sie von Gott mehr bestraft und geplagt als in irgendeinem anderen Teil der Welt.“

1790 schrieb der Engländer William Lempriére über die Juden in Marokko: „Diese unglücklichen Leute werden überall, wo sie sich aufhalten wie Wesen anderer Art behandelt, aber nirgends so grausam und unverdienter unterdrückt, wie in der Barbarei (Marokko)…Die Mohren beweisen mehr Menschlichkeit gegen ihre Tiere, als gegen die Juden.“

Im “Anglo Jewish Association Annual Report” vom 3. Februar 1888 an den britischen Ministerpräsidenten findet man über Marokko u.a. den Punkt 21: „Die Entschädigung für den von einem Mauren getöteten Juden beträgt 60 Pfund. Der Mörder wird nicht zu einer Strafe verurteilt, er sitzt im Gefängnis, solange dieses Blutgeld nicht bezahlt ist. Die Autoritäten nehmen einen großen Teil dieser Entschädigung und geben der Familie lediglich ein Almosen.“

Am anderen Ende der arabischen Welt berichtet 1889 Jacob Valadji, Direktor der Schule der „Alliance israélite universelle“ in Bagdad:
„Seit dem 15. September (1889) gibt es keine Sicherheit mehr für die Juden in Bagdad. Bislang wurden sie verachtet von den Muslimen in Bagdad, … kein Jude kann mit erhobenen Haupt gehen oder sich friedlich dem Handel widmen…Seit einigen Tagen werden Juden gejagt, überall verfolgt wie wilde Tiere. Da die Muslime sehen, dass die Juden es nicht wagen sich in den Gassen sehen zu lassen, weil schon die Ansicht eines Muslimen sie in Schrecken versetzt, gibt es keine List und keine Bosheit, die diese nicht anwenden“, um die Angst der Juden auszunützen.

Die im Buch detailliert nachgewiesene Diskriminierung und der Mord an Juden in den arabischen Gesellschaften hatten nachweislich nichts mit dem Zionismus oder gar der Entstehung des Staates Israel zu tun.
Oft genug wurden Juden in der arabischen Welt „Hunde“ genannt. Die arabische Meute, die während eines Pogroms in Jaffa auch den hebräischen Dichter Josef Haim Brenner 1921 ermordete, brüllte „Die Juden sind unsere Hunde“ (Al yahuda Kalabna).

Natürlich bringt Bensoussan auch Beispiele von Ausnahmen, von Freundschaften zwischen Muslimen und Juden, doch widerlegt er mit vielen Fakten das Märchen von einer arabisch-jüdischen Symbiose, das bis heute ein Axiom der kulturellen Linken und der Islamisten ist.

Er erinnert daran, dass der deutsche Historiker Matthias Küntzel einen Vortrag an der britischen Universität Leeds halten sollte „Die Erbschaft Hitlers: der muslimische Antisemitismus im Nahen Osten“. Aufgrund der Proteste der muslimischen Studenten, musste der Titel geändert werden in „Die Nazi Erbschaft: der Export des Antisemitismus in den Nahen Osten“. Doch bis heute werden die von Arabern begangenen Pogrome im kolonialen Maghreb während der Herrschaft des Vichy-Regimes verschwiegen.

Die meisten Fälle von Gewaltanwendung gegen Juden wurden von Muslimen begangen, die keine Verbindungen zu extrem Rechten oder der Kolonialmacht hatten.
Im Maghreb waren die Franzosen bereit die Juden zu opfern. Am 11. Oktober 1939 riet das französische Generalkonsulat in Jerusalem ab, in Marokko eine „jüdische Legion“ gegen Nazideutschland zu formieren: „Eine solche Initiative würde nur den Antisemitismus bestärken. Deutschland hätte ein leichtes Spiel zu unterstellen Frankreich und England gehorche den Juden. Der Islam, dessen Unterstützung für uns unersetzbar ist, würde uns nicht verzeihen ihre Interessen zu opfern, um das Interesse derer zu fördern, die sie für ihre wütenden Gegner halten. Aus diesem Grund akzeptiert unser Alliierter (das Vereinigte Königreich) die Mitarbeit von Juden nur individuell und bedingungslos.“

In einer 1939 in Beirut gedruckten Broschüre warnt das Oberste Arabische Komitee von Jerusalem bezugnehmend auf Palästina vor einer „jüdischen Gefahr“: „Vor der Einwanderung kannte man in den arabischen Ländern den Typus des orientalischen Juden, der friedfertig, resigniert und glücklich war…“

Was ist ein „glücklicher und resignierter“ Jude? Das ist jemand, der „seinen Platz kennt“ und instinktiv die Sichtweise seiner Meister internalisiert. Wie die Frau muss der Jude leise sprechen und seine Augen gesenkt halten, was seine Unterwürfigkeit zum Ausdruck bringt. Der „glückliche und resignierte“ Jude ist der beherrschte, der für immer unterworfen ist. Erst den Juden, die der Zionismus aufrichtete, flüstert die Welt in die Ohren, aufrecht zu gehen sei nicht selbstverständlich.

Bensoussan stellt in seinem Buch eine Menge unbequemer Fragen. Weshalb haben die meisten Juden in der arabischen Welt die Ankunft der europäischen Kolonisatoren begrüßt? Weshalb wollten so viele europäische Pässe haben? Aus welcher Bedrängnis flüchteten so viele nach Europa, das damals noch massiv antisemitisch eingestellt war?

Die Geschichte der Juden in den arabischen Ländern wurde lange Zeit von Hofjuden geschrieben. Islamisten, die kulturelle Linke in Frankreich und anderswo halten es für skandalös, wenn solche Fragen von einem seriösen Historiker gestellt werden.

Dieses spannende Buch Bensoussans würde es verdienen ins Deutsche übersetzt zu werden.

*Georges Bensoussan: Les Juifs du monde arabe / La question interdite, Odile Jacob Paris 2017

Dieser Artikel ist zuerst in der „Illustrierten Neuen Welt“ erschienen.

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