Der jüdische Autor Gabriel Berger hat ein Buch über die deutsche Besatzungszeit in Polen geschrieben 

Juni 8, 2018 – 25 Sivan 5778
Der Kutscher und der Gestapo-Mann

Von Dr. Nikoline Hansen

Es ist wohl das düsterste und zugleich eines der am wenigsten beleuchteten Kapitel der deutschen Geschichte: Die Besatzung Polens und die Vernichtung des osteuropäischen Judentums, die von den deutschen Besatzern mit sadistischem Eifer betrieben wurde.

Gabriel Berger hat sich in seinem jüngst erschienenen Buch „Der Kutscher und Gestapo-Mann“ der herausfordernden Aufgabe gestellt, Originaldokumente von Zeitzeugen aus dem Polnischen zu übersetzen, die die Gräueltaten der Deutschen zeitnah schilderten.

Er gibt zugleich einführend einen Überblick über die Geschehnisse in Polen, wobei der Schwerpunkt auf den Ereignissen in Tarnów liegt, einer Stadt 70 Kilometer östlich von Krakau mit einem hohen Anteil an jüdischer Bevölkerung (1939 waren 45 % der Einwohner Juden).

Durchschnittlich betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Polen 10 Prozent. Tarnów wurde am 8. September 1939 von der deutschen Wehrmacht besetzt. Wie der Autor schreibt, war das primäre Ziel der rassistisch begründeten antijüdischen Maßnahmen die Bereicherung der deutschen Besatzer durch die Aneignung jüdischen Eigentums.
Die Vorgehensweise war überaus brutal und willkürlich. Der Augenzeugenbericht des Kutschers Israel Isaak, der als einziger seiner Familie überlebte und der den Gestapo-Mann Rommelmann bei vielen seiner Ausfahrten begleiten musste, ist schwer verdauliche Kost. Dennoch ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, denn die Berichte beantworten eine Frage, die gerade in Deutschland immer wieder gestellt wird, nämlich: Wie konnte es geschehen?

Die Antwort ist zwar komplex, aber wenn man sich durch die Texte arbeitet, wird sie doch eindeutig fokussiert: es ging um Macht und Gier, die durch das Ausleben sadistischer Triebe und nicht zuletzt Vergewaltigungen Befriedigung fand. Die jüdische Bevölkerung litt unter der Willkür, und nur wenige brachten die Unerschrockenheit auf, sich zur Wehr zu setzen, wie die jüdische Pfadfindergruppe „Haschomer Hatzair“, deren mutige Aktivitäten Gabriel Berger beschreibt und von der nur ein einziges Mitglied, Kubez Kupferwasser, überlebte und nach dem Krieg über das Schicksal der Gruppe berichten konnte. 

Ein Mann mit zwei Gesichtern
Eindringlich auf den Punkt bringt es diese Beschreibung: „Rommelmann war … ein Mensch mit mehreren Gesichtern. Er hatte sehr gute Manieren. Wenn er von einer Frau begleitet wurde und mit der Pistole ihren Mantel streifte, küsste er ihre Hand und entschuldigte sich. … Doch im ganzen Landkreis von Tarnów tobte er sich aus. … Aus der Gegend brachte er die schönsten jungen Jüdinnen zu sich, vergewaltigte sie und erschoss sie anschließend.“

1944 wurde Tarnów für „judenrein“ erklärt und Rommelmann kehrte nach Bremen zurück. Am 3. Juni 1946 wurde er von britischen Besatzungsbehörden festgenommen, 1947 der polnischen Justiz übergeben. Den polnischen Behörden war viel daran gelegen, die deutschen NS-Täter zur Rechenschaft zu ziehen und sie für ihre Verbrechen zu bestrafen. Rommelmanns Ehefrau sei überrascht gewesen von der Anklage gegen ihren Ehemann, schreibt der polnische Augenzeuge Grzegorz Szczerba. Das erstaunt umso mehr, als die Zeitzeugin Lilla Mittler berichtet, dass Rommelmann einen Sohn hatte, den er dazu anhielt, Juden eigenhändig zu erschießen. Dieser wurde wohl nie zur Rechenschaft gezogen und wird mit seiner Schuld schweigend gelebt haben – eine besonders erschreckende Vorstellung.

Das Buch ist daher auch ein ausgesprochen wichtiger Beitrag, um selektivem Erinnern und Verfälschungen der Ereignisse entgegenzuwirken. Im Gegensatz zu anderen Büchern, die sich darum bemühen, sich dem Holocaust auf ausschließlich intellektueller Ebene zu nähern, ist es aufgrund der authentischen Zeitzeugenberichte, der zeitlichen Nähe der Schilderungen und der sachlichen Einführung schonungslos direkt und vermittelt den Schrecken unmittelbar, dem sich die polnischen Juden während der Besatzung ausgesetzt sahen.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass es auch in der polnischen Bevölkerung Mitläufer gab, die der Eliminierung der Juden tatenlos zusahen und deren Besitz raubten. Nur wenige fanden den Mut, sich dem deutschen NS-Regime entgegen zu stellen und den Verfolgten zu helfen, denn sie mussten fürchten aufgrund von Denunziationen selbst Opfer von Repressalien zu werden.

Doch über 6.500 polnische Christen wurden als Judenretter in der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Es ist die mit Abstand erheblichste Anzahl an Judenrettern für ein europäisches Land. Auch daran erinnert Bergers Buch. Ein Buch gegen das Vergessen.
 
Gabriel Berger
Der Kutscher und der Gestapo-Mann
Berlin: Lichtig Verlag
ISBN 978-3-929905-39-7
€ 14,90

Die Buchpremiere findet im Rahmenprogramm der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ am Mittwoch, dem 6. Juni 2018 um 18 Uhr in der Ausstellungshalle des Rathaus Schöneberg statt. Vor der Lesung spricht Bärbel Petersen, Moderatorin und Gastgeberin literarischer Salons in Berlin, mit Gabriel Berger über die Berichte, ihre Auswahl und die Hintergründe. Anschließend lesen beide aus den Protokollen. Karsten Troyke, Musiker und Schauspieler, singt zwischen den Texten jiddische Lieder.

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